Ja, das staunt man, liebe Hörerinnen und Hörer, heute Abend auf OS-Radio 104,8. Was ist denn das für Musik? Wo kommt denn die her? Wer ist denn das? Sicher erwarten Sie jetzt an dieser Stelle die Pepperbox und auch die bekannte Stimme von Günter Ortland, der Sie genau mit diesen Worten am 20. November 2018 zum ersten Mal in diesem Format Querbeet begrüßte.
Und glauben Sie mir, wir, das sind Heide Jenzen, Sigi Ober-Grefenkämper und ich, Uwe Alschner, wir würden alles dafür geben, wenn wir Güni heute Abend hier im Studio 2 bei OS-Radio 104,8 wie gewohnt begrüßen könnten. Doch das wird nicht möglich sein. Heute nicht und nie mehr.
Denn Günter Ortland ist völlig unerwartet am Sonntag verstorben. Er wurde mitten aus dem Leben gerissen, auf das wir heute in Auszügen zurückblicken werden. Wir widmen Günter Ortland in Memoriam diese Sendung und wollen gemeinsam mit Ihnen auf diesem Wege Abschied nehmen von einem herzensguten Menschen und lieben Kollegen, der an vielen Stellen in der Welt geholfen hat, in dieser Welt, die er so liebte.
Güni hat hier im Sender auch öfters die Gitarre ausgepackt und in die Saiten gegriffen. Die Klänge im Hintergrund sind nicht von ihm, aber sie könnten es sein. Deshalb haben wir diese leisen Töne ausgewählt. Die Sendung zu diesem traurigen Anlass wollten wir nicht mit Popmusik beginnen. Im weiteren Verlauf möchten wir, soweit es unsere Stimme zulässt, die Erinnerung und das Andenken an Günter Ortland mit Gedanken und Geschichten in ihren und unseren Herzen wachhalten.
Doch es wäre ganz sicher nicht in Günies Sinne, wenn wir heute nur Trübsal blasen würden. Daher hören wir jetzt natürlich zunächst doch erst einmal die Pepperbox und wir hören Güni und zwar mit seiner “Anmod” für diese erste Sendung von Querbeet am 20. November 2018.
Günter Ortland: “Ja, man staunt mal, liebe Hörerinnen und Hörer, heute Abend auf OS-Radio 104,8. Was ist denn das für Musik? Wo kommt denn die her? Wer ist das denn? Hier ist heute Abend am Mikrofon Günter Ortland und... Heide Jenzen. Und... Uwe Alschner. Und Sigi Ober-Grefenkämper. Herzlich willkommen! Und wir vier haben ein neues Format gebildet.
Ein neues Konzept steht heute Abend in den Stadtlöchern bei OS Radio. “Querbeet” heißt es. Wohin und was wollen wir? Wie soll es aussehen? Siggi?”
Siggi Ober-Grefenkämper: “Ja, warum ich beim Querbeet-Format mitmache? Um Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, mit einem bunten Mix aus Lieblingsmusik, gefühlvollen Beiträgen und Interviews mit Menschen regional und überregional zu unterhalten. Schon das Format Querbeet mit meinen Kollegen zu entwickeln, hat unglaublich Spaß gemacht. Das bedeutet für mich, ich kann mit meinem ganzen Herzblut und meiner Leidenschaft fürs Radiomachen dabei sein. Eine gute Voraussetzung für Sie, liebe Zuhörer, und auch für mich.
Güni: Heide?
Ich bin Heide Jenzen und mache mit, weil im neuen Bürgerfunk-Format Querbeet wir gemeinsam zeigen können, was Querbeet in uns steckt. Informativ, individuell, interkulturell, generationenübergreifend. Mit Infos, Beiträgen und Tipps aus dem Osnabrücker Leben und interessanten Interviews mit Osnabrücker Persönlichkeiten zu aktuellen Anlässen. Und viel Musik. Wir melden uns jeden Dienstag erst im Monat 18 bis 19 Uhr auf OS Radio 104,8.
Güni: “Ja, wir sind also heute Abend sendeverantwortlich. Uwe Alschner gehört auch noch dazu. Der sagt gleich noch kurz was dazu auch. Und ich freue mich, hier in einem neuen Team zu sein heute Abend. Wir gestalten was Neues, was uns gut gefällt, was auch hoffentlich den Hörern gefällt, aktuell und mit flotter Musik. Uwe.
Uwe: “Ja, Günni, vielen Dank. Wir haben einen Kreis zusammen und das ist auch das, was mich dabei reizt, der ganz, ganz unterschiedliche Zugänge hat, die aber alle an einem Punkt eine Gemeinsamkeit haben und das ist Spaß am Radio machen. Und das ist eben hier, wir werden sicherlich ganz bunte Beiträge haben, aber wir werden auf alle Fälle Spaß haben.”
Uwe Alschner: Ja, das war die Anmod von Güni Ortland heute vor sechseinhalb Jahren. Die erste Sendung von Querbeet. Wir sind jetzt hier live im Studio, um wie gesagt das Andenken an Güni wach zu halten. Wir spielen jetzt zunächst einmal ein bisschen Musik von heute. Die war auf der Playlist für die heutige Sendung. Die war natürlich schon voll in der Planung, alle Texte waren geschrieben und die sind nun alle mit Makulatur. Aber so ist das manchmal im Leben. Jetzt hören wir Ina Müller und die hält die Luft an, so wie wir auch.
Siggi Ober-Grefenkämper: “Liebe Hörerinnen und Hörer von OS-Radio 104,8, Sie hören jetzt am Mikro Siggi Ober-Grefenkämper. Natürlich möchte auch ich gerne meinen Beitrag leisten, “Remember Güni”, und mich an Dinge erinnern, die ich in der ganzen Zeit, in den fast zehn Jahren mit ihm gemeinsam und auch mit Heide und Uwe erlebt habe. Apropos gemeinsame Jahre bei OS-Radio 104,8:
Günis Beiträge über technische Neuerungen, die ich oftmals gar nicht verstanden habe, weil das so übertechnisiert für mich als Technik-Laien war. Daran erinnere ich mich, aber auch an seine Interviews mit interessanten Menschen aus der Region. Seine wahre Leidenschaft galt aber immer der Musik. ob Aretha Franklin, die Rolling Stones, was mit Oldies zu tun hatte im Besonderen und in letzter Zeit, in den letzten Jahren, vor allen Dingen Soulmusik hatte es ihm angetan.
Und die ganzen Geschichten, die er mit Titeln verbunden hat, er hat nicht nur Musik gespielt, sondern auch über diese Persönlichkeiten aus der Musikgeschichte Hintergrundberichte uns transportiert, das war schon eine Sache, die mich fasziniert hat und die ich auch nicht vergessen habe.
Außerdem spielte er leidenschaftlich gerne und gut Gitarre. Ich erinnere mich an einen Moment bei ihm zu Hause im Wohnzimmer, als Heide, Uwe und ich hochmotiviert und, ich betone, mit Gesang seinen Gitarrenklängen folgten. Ich werde…, das ist so ein Moment, eine Momentaufnahme, die ich im Zusammenhang mit dem traurigen Ereignis, weshalb wir jetzt auch hier alle vor Mikro sitzen, nie vergessen werde.
Güni und seine Gitarre, damit verbinde ich noch einen anderen, ganz besonderen Moment hier im Studio 2, in dem wir drei uns auch jetzt befinden. Und zwar folgende Geschichte. Unserem Team fehlte noch ein Beitrag für eine Querbeet-Sendung. Ich schätze, das war vor ungefähr sechs Jahren. Genau dem Format, mit dem wir ja jeden dritten Dienstag im Monat gemeinsam auf Sendung gehen.
Da eines... der Lieblingslieder sowohl von Günni als auch von mir, “Take Me Home (Country Roads)” von John Denver war, beschlossen, Günni und ich kurzerhand, unsere Version von diesem Song live, wohlgemerkt, aus Studio 2 zum Besten zu geben. Ich kann Ihnen sagen, oder ich sag mal, mein Gott, war das aufregend. Sprechen vor dem Mikro waren wir ja gewohnt, ich sabbel ja sowieso gerne, aber singen, das war schon eine echte Herausforderung. Besprochen und beschlossen, Augen zu und durch, hieß die Devise, insbesondere für mich.
Und Leute, wir haben unser Vorhaben tatsächlich in dieser besagten Sendung, ich kann leider das Datum nicht mehr sagen, umgesetzt: Güni stimmte die ersten Takte des Songs auf seiner Klampfe an. Lampenfieber, geh weg, Lampenfieber, geh weg. Es gab aber kein Zurück mehr. Und soll ich euch was sagen? Wir rockten als Duo die Hütte und hatten unendlich viel Spaß dabei.
Leider gab es keine weiteren Gesangseinlagen von uns beiden, leider oder Gott sei Dank, ich will uns jetzt nicht selber in Himmel loben, in irgendeiner anderen Sendung. Aber, Güni, egal wo du bist und uns zuhörst, in Erinnerung an dieses Erlebnis spielen wir für dich live aus Studio 2 Take Me Home Country Road von John Denver.
Uwe: Und zwar den echten.
Siggi: Genau.
Siggi: Liebe Hörerschaft, jetzt ist nochmal der Sigi-Ober-Grefen-Camper am Mikro und ich habe neben mir ganz fest im Arm die Heide Jenzen, die hier sich heute auch zu uns ins Studio begeben hat. Heide, du bist 13 Jahre die Lebensgefährtin von Günter Ortland, Güni, darunter kennen ihn ja die meisten, gewesen und wenn ich mich recht erinnere, hast du ihn auch damals ins Radio gebracht. Kannst du uns das mal erzählen?
Heide Jenzen: Ja, wir hatten uns kennengelernt und ich hatte ihm vom Radio erzählt, er hat auch Vorbereitungen mitbekommen von mir. Und ich sagte, Mensch, komm doch einfach mit, guck dir das einfach mal an. Und gesagt, getan, er kam mit und fortan war er dabei.
Siggi: Ungefähr wie viele Jahre ist das her?
Heide: Zehn?
Siggi: Zehn Jahre, ja. Also hat er dich auch zehn Jahre in allen Sendungen, die du mitgemacht hast, hier bei OS-Radio 104,8 begleitet?
Heide: Ja, auf alle Fälle.
Siggi: Wenn ich dich ein bisschen was Privates fragen darf, wie hast du Güni denn erlebt? Nicht nur hier im Studio, sondern als Mensch.
Heide: Also kommunikationsfreudig auf alle Fälle. Er ist aufgeschlossen, an vielseitigen Sachen interessiert. Vor allen Dingen natürlich Musik, aber es ist ja nicht ganz einfach, sofort vor dem Mikro zu sprechen, aber bei Güni ging das an für sich ratzfatz.
Siggi: Also Naturtalent?
Heide: Ja, oder er hat halt Interesse daran und es hat ihm viel Spaß gemacht, das konnte man merken. Und so sind wir einfach dabei geblieben und in unserem Team haben wir zusammengearbeitet.
Siggi: Erinnerst du dich auch noch an besondere Momente, sage ich mal, an Interviews oder an Beiträge, wo du sagst, Mensch, das werde ich nicht vergessen, wie auch immer. Gibt es da irgendwas Besonderes, was du hervorheben kannst?
Heide: Ja, die Elektromobilität war natürlich sein Highlight. Dann Space-X.
Siggi: Was war das denn nochmal?
Heide: Die Raumfahrt.
Siggi: Ach ja, ja.
Heide: Da haben wir alle nur mit den Ohren geschlackert. Da war er super und das war auch sein Ding.
Siggi: Technik, von denen wir beide nichts verstanden haben.
Heide: Null Ahnung. Und natürlich ganz, ganz, ganz viel Musik und auch interessante Interviewpartner.
Siggi: Welche Worte möchtest du Günni denn noch mit auf den Weg geben, wenn du an ihn denkst? Kannst du das?
Heide: Ja, es fällt mir ein bisschen schwer. Ich versuche es mal.
Siggi: Du schaffst das.
Heide: Wir alle sind geschockt und sprachlos vom plötzlichen Tod, völlig unerwartet von Güni, nach einem ganz bewegten Leben. Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt für einen Augenblick still. Wie am Sonntag. Und wenn sie sich weiter dreht, ist nichts mehr so, wie es war. Heute blicken wir dankbar auf unsere gemeinsame Zeit zurück und trauern um unseren Freund, langjährigen Weggefährten Güni. Dein Radioteam, Uwe, Sigi und deine Heide. … Wie es weitergeht, steht in den Sternen. Also schick uns ein Licht, um uns den Weg zu zeigen. Danke!
Siggi: Vielen Dank, Heide, für deinen Mut, den du hier in Studio 2 mitgebracht hast. Wir wissen alle, dass dir das nicht leicht gefallen ist.
Heide: Ganz bestimmt nicht.
Siggi: Ich möchte jetzt noch als Übergang eine Musiksendung nochmal benennen, die ich mit Günni am 20.02.2024 gemacht habe. Das musst du, glaube ich, uns verlassen, weil du wieder auf Reisen warst und Uwe war auch irgendwie unterwegs. Die Musiksendung, ich kann auch mal eben kurz die Anmoderation vorlesen, damit Sie wissen, um was das ging am 20. Februar 2024:
‘Es ist der dritte Dienstag im Monat und Zeit für die neueste Ausgabe von Querbeet.’ Die Moderation hat ab in dem Fall ich gemacht. ‘Seit Bestehen unseres Radiomagazins war und ist Musik immer ein wichtiger Bestandteil im Sendeplan und nimmt darüber hinaus in der heutigen Sendung noch einen ganz besonderen Platz ein.
Als Überschrift für die Sendeverantwortlichen Günter, Günni, Ortland und für mich Siggi Ober-Grefenkämper steht nämlich der Titel »Musik liegt in der Luft«. Was das für die nächsten 57 Minuten bedeutet, kann ich Ihnen vorab schon verraten. Es werden Lieblingssongs gespielt, Hintergrundinfos zu Musikstücken geliefert. Es wird über die drei erfolgreichsten Lieder der Musikgeschichte gesprochen, eine der bekanntesten deutschen Fernsehshows beleuchtet und über die Musikszene Osnabrück berichtet.’ — Spezialgebiet von Günni übrigens — ‘Unser Team begleitet Sie natürlich durch das bunte Programm von Querbeet. Der Titel unseres Bürgerfunk-Formates darf übrigens durchaus wörtlich genommen werden und bedeutet für uns alle, ‘we will entertain you’ mit einem vielfältigen Potpourri Querbeet durch alle Unterhaltungsbereiche.’
Ich hatte in dieser besagten Sendung vom 20.02.2024 den ersten Teil übernommen und Güni hat dann in seinem persönlichen musikalischen Streifzug bei Querbeet das Mikrofon für den zweiten Teil übernommen und unter anderem uns Songs aus seiner Lieblingsplaylist mitgebracht. Das war zum Beispiel Wild Thing, Love Me Do von Beatles oder What You’re Proposing.
Viel Spaß bei diesem persönlichen Potpourri von Günter Güni Ortland.”
[Musik]
Uwe Alschner: Ja, das war dieser Titel mit dem Potpourri. Wir werden das gleich noch mal ein bisschen fortsetzen.
Günter Ortland liebte die Ordnung und die Menschen. Güni war Polizist und zwar aus Leidenschaft. Er war Soldat gewesen und ist dann zur Polizei gegangen und hat bei der Kripo gearbeitet. Es hat ihn bekümmert, wenn Kriminalität zunahm oder Krieg und Gewalt herrschten. Er wollte helfen, dass es besser wird. Deshalb ging er zur Polizei, für die er unter anderem nicht nur in den Medien wie dem SPIEGEL, da gibt es Berichte, in denen Güni zitiert wird, Aufklärungsarbeit leistete und Prävention betrieb, sondern für die er sich auch auf durchaus riskante Aufmerksamkeit Auslandseinsätze für Sätzen schicken ließ. Und einer dieser Einsätze führte dann auch dazu, dass in einem Radiobeitrag hier bei uns auf Querbeet Güni dann selber einen Nachruf hielt und den wollen wir heute auch noch einmal hören.
Thorsten Köpke: “Eine Persönlichkeit von internationalem Rang ist kürzlich verstorben. Er war einer derjenigen, der für die Friedensverhandlungen nach dem Bosnienkonflikt 1995 in Dayton verantwortlich war. Bill Clinton war damals US-Präsident. Günter Ortland.
Günter Ortland: “Ja, fast jeder kennt irgendwie den Begriff Vereinte Nationen oder United Nations, kennt die Blauhelme, kennt die hellblauen Flaggen, die in Krisengebieten und Flüchtlingscamps wehen, ist irgendwie mehr oder weniger durch die Medien damit vertraut. Viele Menschen wissen auch, was in etwa dahinter steckt oder was diese Organisation leistet. Aber wer die führenden und treibenden Kräfte sind oder waren, ist oft nicht oder nur wenig bekannt.
Nun, einer davon war Kofi Atta Annan, so heißt er komplett, geboren 1938 in Kumasi in Ghana. Nach Internatsbesuch hatte er früh die Möglichkeit, in Ghana Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Weitere Ausbildung in internationalem Management folgte in Genf, Boston und Minnesota, um nur einige zu nennen. 1962 trat er in die WHO ein, die Weltgesundheitsorganisation. Später war er in verschiedenen Funktionen in der UN-Hauptverwaltung tätig.
Schon 1987 führte er die Abteilung für friedenserhaltende Einsätze. 1994 wurde er mit dem Völkermord in Ruanda konfrontiert und ein Jahr später zum Sonderbeauftragten für das ehemalige Jugoslawien ernannt. In diese Zeit fiel auch das berühmte Dayton-Abkommen von Dezember 1995, worin die ehemaligen Kriegsparteien sich auf einen Frieden einigten. Am 13.12.1996 schließlich wählte ihn die UN-Generalversammlung auf Druck der USA zum Generalsekretär.
Diesen Posten hatte bisher der Ägypter Butros Butros Gali inne. Aber für Kofi Annan galt es nun unter anderem das genannte Abkommen durchzusetzen. Dazu ist eine für uns unvorstellbare Militär- und Verwaltungsmaschine mit riesigem Personal- und Materialaufwand erforderlich.
In jener Zeit hatte ich mich für diese UN-Mission in Bosnien-Herzegowina beworben und war freiwillig für sechs Monate dorthin gegangen. Nach Bosanski Novi, ins Gebiet der bosnischen Serben. Bei einer serbisch-kroatischen Familie war ich freundlich untergebracht und hatte unter anderem Kollegen aus Senegal und Ghana in meinem UN-Büro. Natürlich Ghana. Sie waren mächtig stolz auf Ihren ‘Secretary General’ Kofi Annan aus Ghana, jetzt Chef der UN-Büro. Sicher hat er auch einiges während des Konflikts und danach auf dem Balkan erreicht, an erster Stelle wohl das genannte Friedensabkommen. Aber alles konnte leider aufgrund ethnischer und somit politischer Probleme nicht umgesetzt werden. Bis heute nicht.
In einigen Fällen musste die Staatengemeinschaft eingreifen, um bestimmte Dinge im Land zu regeln, zum Beispiel die neue Währung. Und auch heute leidet das Land an hoher Arbeitslosigkeit und kaum Wachstum in der Wirtschaft.
2001 erhielt Kofi Annan dafür zusammen mit den Vereinten Nationen den Friedensnobelpreis. Für seinen Einsatz für eine bessere, organisierte und friedlichere Welt. Aber dieser Mega-Job ist nicht immer glatt und hat manchmal auch seine Misserfolge. So musste Annan irgendwann Anfang 2000 die fehlgeschlagenen Friedensbemühungen in Ruanda einräumen. Desgleichen zumindest eine Teilverantwortung beim Völkermord von Srebrenica in Ost-Bosnien. Die Vereinten Nationen hatten viel zu lange diskutiert und abgewartet und dringende Maßnahmen für die Sicherheit der Bevölkerung kamen zu spät.
Übrigens, vor ziemlich genau 25 Jahren wurde das internationale Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag eingerichtet. Maßgebliche Kriegsverbrecher sind verurteilt worden und sind in Haft. Kofi Annan starb am 18. August des Jahres in der Schweiz.”
Uwe Alschner: “Ja, Günni war Polizist. Das haben wir jetzt gehört. Er war Kriminal-Hauptkommissar. Als solcher ist er in den Ruhestand verabschiedet worden. Aber lange vor seinem Ruhestand, und das hat er eben auch kurz erwähnt, ist er auch auf Auslandsmissionen gegangen, um in diesem Fall in Bosnien, später dann noch an anderen Orten in der Welt, einen Beitrag zu leisten, Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen oder aufrecht zu erhalten. Und darüber hat er auch ein Buch geschrieben. Dieses Buch hat den Titel “Meine erste UN-Mission”, es ist ein bosnischer Titel davor, den ich jetzt nicht verhackstücken möchte, damit es nicht komplett daneben geht, aber es geht eben um seine UN-Mission und daraus möchte ich jetzt gerne etwas vorlesen.
Der Anfang.
Zu Beginn des Jahres 1992 fing es an. Auf dem Balkan wurde es unruhig und ich verfolge die Berichterstattung mit großem Interesse. Es war ein Krieg in Südeuropa ausgebrochen, nur circa 1700 Kilometer von meiner Haustür entfernt. Fast täglich wurde aus Bihaj, Travnik oder Sarajevo berichtet, Namen, die einem irgendwie vertraut waren.
Dennoch fühlte ich mich durch die Medien nie ausreichend informiert und mit dem Wirrwarr der politischen Entwicklung kam ich nicht klar. Wer kämpfte da eigentlich gegen wen? Wo und warum? Was war das Schicksal der Bevölkerung? Solche und andere Fragen haben mich im Laufe der Kriegsjahre mehr und mehr beschäftigt. Als Polizeibeamter stieß mein Interesse natürlich auf die erste WEU-Polizeimission
in Mostar und die NATO-Staaten hatten inzwischen... mit anderen Partnern einen militärischen Einsatz organisiert, genannt EFOR, Implementation Force, eine multinationale Eingreiftruppe, die das Friedensabkommen von Dayton im Dezember 1995 durchsetzen sollte.’ Davon haben wir gerade gehört.
‘Und kurz darauf, bereits Anfang 1996, wurde von den Vereinten Nationen, UN, eine internationale Polizeitruppe in Bosnien-Herzegowina, genannt IPTF, International Police Task Force, eingesetzt. Leider haben die Medien bisher wenig darüber berichtet. Auch die Bundesrepublik Deutschland hatte sich damals bereit erklärt, an diesem Polizeieinsatz teilzunehmen.
Und nachdem das erste deutsche Polizeikontingent Richtung Zagreb und Sarajevo abgeflogen war, reifte mein Entschluss, mich für diese Mission zu bewerben. Warum? Ich wollte mir persönlich ein Bild vor Ort machen.
Von einigen Bosnienflüchtlingen in meiner Heimatstadt hatte ich zum Teil furchtbare Geschichten gehört, hier und da Gräueltaten und Kriegsberichte aus der Presse erfahren. Aber wie war die Situation tatsächlich nach dem Krieg? Was haben die Menschen erleiden müssen? Der Hilfsgedanke stand bei mir an erster Stelle.
Helfen. Aber wie?
Der internationale Polizeieinsatz war eine Möglichkeit, dies herauszufinden und erstmals Erfahrungen in einer UN-Friedensmission zu sammeln. Ich wollte einfach wissen, was das für Menschen sind auf dem Balkan, in Bosnien, in Kroatien. Was haben die alles durchgemacht? Waren die Serben wirklich so schlimm, wie es in den Medien im Allgemeinen verbreitet wurde? Haben nur die Moslems, die Bosniaken, gelitten? Wer sind heute wirklich die Kriegsgewinner, die Verlierer?
Andererseits wollte ich wissen, wie das so ist in einem Nachkriegsland, jene unverständbaren Zustände, von denen meine Eltern so oft erzählt haben. Kann man unter diesen Umständen leben oder überleben? Was kommt da alles auf einen zu?
Ich wurde neugieriger und neugieriger, sammelte laufend Informationen über dieses Thema und ließ mir von Kollegen erzählen, die schon im Einsatz waren. Auf die nächste Ausschreibung bewarb ich mich und traf nach Test- und Auswahlverfahren am 1. August 1997 in Zagreb in Kroatien ein.
Die vorliegenden Aufzeichnungen sind wahre Ereignisse und meine persönlichen Erlebnisse, die nicht als Sachbuch verstanden werden sollen. Dennoch werde ich, wo es mir angebracht erscheint, kurz Hintergründe und Ursachen des Krieges sowie auf die Geschichte eingehen. Das folgende Tagebuch soll sechs Monate meines Lebens und meiner Dienstzeit in einem fremden Land, einem Nachkriegsland, darstellen. Meine Erfahrung. Emotionen. Hier und da werde ich etwas Politik einfließen lassen, mit der auch Polizeibeobachter konfrontiert werden. Um Fußnoten und komplizierte Erläuterungen zu vermeiden, habe ich englische Begriffe und Abkürzungen gleich im Text erklärt und dazu einen Index erstellt. Das gleiche gilt für die serbokroatische Sprache.’
Und dann geht’s los. Das Tagebuch.
‘Juni 1996. Ich spiele weiter mit dem Gedanken an eine Bewerbung, spreche ausführlich mit meiner Frau darüber, diskutiere Vor- und Nachteile und die bevorstehende Zeit der Trennung, aber auch, wie wertvoll ein längerer Aufenthalt im Ausland sein kann. Ich bekomme grünes Licht und danach machen wir gemeinsam noch Urlaub in der Türkei.’
So, damit will ich es erstmal bewenden lassen. Da setzen wir vielleicht gleich nochmal ein bisschen fort. Aber man merkt da schon sehr deutlich, was für ein Mensch Güni war. Ausgesprochen kommunikativ, das hat Heidi eben auch nochmal hervorgehoben, konnte sie wunderbar ausdrücken, konnte eben auch mit Menschen sehr schnell in Verbindung gehen und dafür eben dann auch in einem solch prekären Auftrag, glaube ich, gut Dienst tun, weil er eben Menschen zusammenbringen kann und verbinden kann. Und das ist etwas, was mich auch an Gunni erinnert und wo ich einfach dankbar bin, ihn kennengelernt zu haben.
Es ist schade, dass jetzt diese Zeit beendet wurde, aber so ist das Leben. Wir spielen jetzt einfach noch ein bisschen Musik und hören gleich vielleicht nochmal hinein.
— “Fortsetzung: Günter Ortland, Meine erste UN-Mission.
8. August 1997.
Um 7 Uhr geht’s raus und wieder strahlt die Sonne in Zagreb. Frühstück, Sachen packen. Der Bus und der LKW mit dem großen Container für unsere Einsatzkisten soll um 10.30 Uhr kommen. Es wird aber 12 Uhr. Eine halbe Stunde später fahren wir endlich ab Richtung Südosten durch eine weite Ebene, immer die kroatische Autobahn, den Autoput entlang. Rechts und links der Fahrbahn Mais, Mais und nochmal Mais. Ganz selten Obstbäume. Bald ist rechts von uns das Mittelgebirge um Banjaluca zu sehen. Wir befinden uns im kroatisch-bosnischen Grenzgebiet. In Branska-Gusicka überqueren wir auf einer Pionierbrücke die Sava und sind im Einsatzgebiet Bosnien-Herzegowina. In einem kleinen Restaurant wird Pause gemacht. Erstmals gibt es türkischen Kaffee und ein orientalisches Klo.
Von hier aus dauert es nicht mehr lange bis Banja Luka, wo eines der UN-Regierungshauptquartiere ist, unsere nächste Verteilerstation. Wir sind jetzt im bosnisch-serbischen Teil im Norden von Bosnien-Herzegowina, der sogenannten Republika Srpska. Recht aufregend und interessant ist das wieder. Neubauten und schöne Häuser wie in Kroatien sehe ich nicht. Dafür machen mich diverse Plakate nachdenklich, auf denen der serbische Politiker Miroslav Karacic glorifiziert wird. »He is for peace, he means peace« steht auf der Pappe. »Er ist für Frieden, er bedeutet Frieden.« Naja, ich sehe das etwas kritischer.
Beim Hauptquartier kommen wir ordentlich ins Schwitzen. Der Container muss ausgeladen und unser Gepäck auf bereitstehende Kleinlaster umgeladen werden. Gabelstapler gibt es hier nicht. Auch in Nordbosnien ist es heiter und warm. In der Cafeteria haben wir ein paar Minuten Zeit, um uns zu erfrischen. Nach einer Einsatzbesprechung werden die Rollen verteilt. Peter geht nach Zentralbosnien, vier leute von uns mit den dänen nach livernau im äußersten südwesten thorsten und ich sind für den bezirk Prejedor bestimmt wir sind alle sehr gespannt wir lernen dabei einen neuen Kollegen kennen, Julio aus Spanien, der uns in seinem holprigen Englisch mit andalusischem Akzent zur Eile auffordert.
Schnell verabschieden wir uns von unseren Kollegen, drücken uns die Daumen und dann geht’s in zügigem Tempo westwärts nach Priedor. Die ersten SFOR-Panzer der Briten kommen uns entgegen, ein komisches Gefühl ist das.
In Prijedor werden wir vom dortigen IPTF-Commander begrüßt, Snorre aus Norwegen, der sogar ein wenig Deutsch spricht. Das Bezirksdistrikthauptquartier ist hier in einem großen Hotel untergebracht. Grünanlagen, eine kleine Tankstelle für die UN-Fahrzeuge, hinter dem Hotel am Sana-Fluss ein neuer Holzpavillon. Darin ist ein Café und Restaurant. In der Stadt, so die ersten Eindrücke, herrscht eine eigenartige Stimmung. Alles ziemlich ungepflegt, viele Menschen auf den Straßen, die wahrscheinlich keine Arbeit haben.’
Ja, das soll, glaube ich, für den Moment genügen, damit Sie einen Eindruck bekommen hier von der Situation, von den Schilderungen, die Güni damals gehabt hat. Pardon, etwas laut dieser Übergang in die leise Musik. Diese Musik war heute der Einstieg und es soll auch der Ausstieg sein.
Ein Ausstieg aus einer schwierigen Sendung, die wir sehr schnell auf die Beine gestellt haben, aber das war uns ein Bedürfnis, um Güni einen würdigen Abschied zu geben. Er hat sehr viel gegeben für diese Welt. Nicht nur hier im Radio, aber auch hier im Radio. Und deswegen war es uns ein inniges Bedürfnis, ihn hier noch einmal zu hören zu bringen und uns über ihn zu unterhalten. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen. Und insofern danken wir Ihnen.
Güni ist gerne Zeit seines Lebens gereist. Und er ist insbesondere gerne auch nach Kanada gereist. —Jetzt muss ich hier ein bisschen jonglieren. Habe eben den Übergang schaffen müssen — Güni ist nach Kanada gereist und war mehrmals da.
Und zum letzten Mal eben vor einem knappen Jahr ist er nochmal hergefahren und hat dann in der Juni- und Juli-Sendung zwei Berichte hier darüber gegeben. Und die wollen wir uns jetzt auch nochmal anhören. Damit verabschieden wir uns von Güni und von Ihnen.”
— “Lange war ich nicht da. In der neuen Welt. Nun hatte ich mich dieses Jahr wieder zu einer Fernreise entschlossen über den Atlantik nach Kanada. Ja, jenes Land im fernen Westen, wohin die ersten europäischen Auswanderer schon im 17. Jahrhundert aufbrachen. Menschen aus England, Frankreich, Holland — und Deutschland. Ein paar Mal war ich schon dort gewesen, in der Provinz Ontario, aber lange her.
Irgendwie war da das Bedürfnis, mal wieder dahin zu fahren nach 30 Jahren. Fliegen natürlich. Etwa acht Stunden dauert das nur, in heutigen Zeiten relativ angenehm. Denn noch in den 50er und 60er Jahren war es durchaus üblich, mit dem Schiff eine Woche den Ozean zu überqueren.
Heute wird mir die Route auf dem Monitor im Flugzeug angezeigt. 6362 Kilometer ist die Entfernung zum Zielflughafen. Da komme ich am 6. Mai spätnachmittags an, am großen Toronto Pearson Airport. Und großes herzliches Hallo von meinen Freunden.
Oberhalb der Provinzhauptstadt verlief der Fernverkehr eh schon zwölfspurig. Aber sie haben parallel davon noch die Highway 407 gebaut, eine private Mautstraße. Nutzer haben dafür einen Transponder im Auto.
Etwa zwei Stunden brauchen wir bis zu meiner Unterkunft mitten auf dem Land. Und ich werde gleich mit der gewaltigen, hügeligen Landschaft der Provinz Ontario konfrontiert. Dreimal so groß wie Deutschland und mit Ähnlichkeiten zum niedersächsischen Weserbergland.
Ja, das kann man sich kaum vorstellen. Hier haben die Bauern 1000 bis 1500 Hektar zur Verfügung, dazu noch mindestens 300 bis 400 Kühe. Holsteiner. Auf der großzügigen Hofanlage mit diversen technischen Großgeräten stehen drei bis vier hohe Silos für Getreide, Mais und Grünfutter.
Hanna, die Enkelin meiner Gastfamilie, 25 Jahre alt, fährt in der Region auf verschiedenen Farmen die GPS-gelenkten Monster-Traktoren, bearbeitet großformatig Felder und Wiesen bis zum Horizont. Selbstverständlich auch in der Nacht, wenn es notwendig ist. Alles unglaublich, wenn man das nicht vor Augen hat.
Also reichlich Info und Daten fliegen mir da bei der kurzen Anfahrt schon um die Ohren. Anfang Mai ist es hier im Süden von Ontario, nicht weit zur amerikanischen Grenze, zunächst angenehm warm und geeignet für die erste Fahrradtour in kurzen Hosen am Sukok River auf der alten Eisenbahnstrecke von 1856. Durch ein lang gestrecktes Schilfgebiet, einen idyllischen Wald und Campingplätzen vorbei. Ist schon toll hier. Links und rechts von mir also ein ausgedehntes Seengebiet, gleichzeitig Ferien-Region. Alles durch Kanäle und Schleusen verbunden.
Da gibt es schon viel zu sehen. Am Anfang meiner Reise also geballt Eindrücke von Mensch, Fauna, Flora und später mehr davon. Vor allen Dingen aber Eindrücke von meiner lieben Gastfamilie, wo ich mich herzlich bedanke. Ihr Günter Ortland, tschüss und alles Gute.
All the best to my dear friends in Lindsay, Uxbridge, Huntsville und Bradford, alles in Ontario, Kanda.!”














