Friedrich Schiller über das Schöne
Von Rosa Kunz1
Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen”, mit denen wir uns im folgenden beschäftigen wollen, waren die Antwort des Dichters auf die drängendsten politischen Probleme seiner Zeit, die in dem Jakobinerterror der Französischen Revolution ihren furchtbarsten Ausdruck fanden. Getragen von der Begeisterung über die amerikanische Unabhängigkeit, dem „Lieblingsgegenstand unsres Jahrzehnts”, wollten die Republikaner das amerikanische Beispiel heimholen und auch auf dem europäischen Kontinent freiheitliche Republiken errichten. Doch in welchem Entsetzen endete der hoffnungsvolle Aufbruch:
„Anarchasis dem Ersten nahmt ihr den Kopf weg, der Zweite2
Wandert nun ohne Kopf klüglich, Pariser, zu euch,”
heißt es in den Xenien. Der Mensch, unfähig diese große Gelegenheit zu verwirklichen, mußte erst zu einem freien Individuum erzogen werden, bevor er einen freiheitlichen Staat errichten konnte. Selbst unfrei, konnte die angestrebte Veränderung des Staates nur in Unfreiheit enden, denn der Staat ist nur soviel wie seine Bürger. Geknechtete Bürger können keinen freien Staat aufbauen. Jeder Verbesserung im Politischen muß zunächst eine Verbesserung des Charakters vorangehen. Wie sehr gilt dieses Bild für unsere heutige Epoche. Der größte Teil der Welt ist nicht nur unfrei von physischen Zwängen, sondern kann nicht einmal seine nackte Existenz retten, er verhungert. Und all jenen, die mit hochmütiger Belehrung kommen, möchten wir mit Schiller antworten:
„Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen,
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.”
Der entwickelte Teil der Welt, der weitgehend frei von physischer Not sich mit den „großen Gegenständen” des Jahrhunderts befassen könnte, wird mehr und mehr zurückgetrieben in kindliche Infantilität. Selbstverwirklichung ist die Losung unserer Zeit, und der Begriff selbst charakterisiert trefflich das Dilemma, das er nur notdürftig verbirgt. Sich selbst verwirklichen, Nabelschau zu treiben und dabei gegen die Mitwelt alle nur denkbaren Ansprüche zu stellen; Schiller hat gerade diesen Charakter den verächtlichsten genannt, weil er Weichheit gegen sich selbst mit Härte gegen andere verbindet. In gähnender Passivität ziehen die Ereignisse vorbei, und so manche große Gelegenheit wartet vergeblich auf ihre Verwirklichung. Man hat „Bock auf die Zukunft” oder auch keinen, je nachdem, welchem politischen Lager man angehört, die Ziege, um glücklich zu werden, fehlt beiden. Schwüles Händchenhalten wird zur geschichtsträchtigen Tat, sensitivity training und das gemeinsame Bad unter kalifornischer Sonne ersetzen die Ausbildung des Denkens, man wird direkt und unmittelbar in den „Kosmos” aufgenommen. Ein außerirdisches Wesen bewirbt sich um das höchste Amt einer Supermacht und - findet Wählerstimmen, selbst Problemen, die das gesamte Fortbestehen der menschlichen Gattung und Zivilisation betreffen, begegnet man mit „fuck for peace” und Entblößen des Oberkörpers — welche Entwürdigung! Und diese Irrationalität ist bei weitem nicht nur ein Kennzeichen jugendlicher Aussteiger, sie ist längst zu einem Gütezeichen des sogenannten Establishments geworden.
Erziehung der Gefühle heißt also die drängendste Aufgabe der Zeit, soll die beschriebene Infantilität nicht in völlige Versklavung münden. Schillers Ästhetische Briefe sind ein Programm zur Massenerziehung der Bevölkerung, nicht mit dem Zeigefinger und durch Verbot und Gesetze, sondern anmutig spielend durch die Kunst. Wie wirksam sein Konzept ist, demonstrieren eindrucksvoll die preußischen Reformen und die darauffolgenden Befreiungskriege, die nicht nur eine Massenerhebung gegen die Diktatur Napoleons waren, sondern eine begeisterte Verfassungsbewegung zur Einigung Deutschlands.
Die Ästhetischen Briefe
Schiller richtete seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen an den Herzog von Augustenburg, der ihm zusammen mit dem Grafen Schimmelmann drei Jahre lang ein Geschenk von je 1000 Talern im Jahr machte und damit Schillers finanzielle Nöte zeitweilig etwas milderte. Das Werk gliedert sich in 27 Briefe, die geometrisch in aufsteigenden Ordnungen aufgebaut sind. Er wollte mit diesem Werk die ,,seelenbildende Kunst” zu einer philosophischen Wissenschaft erheben, denn das Schöne konnte nicht nur eine Frage des Geschmacks sein, sondern „auch die Schönheit, dünkt mir, muß wie die Wahrheit und das Recht auf ewigen Fundamenten ruhn, und die ursprünglichen Gesetze der Vernunft müssen auch die Gesetze des Geschmacks sein.” Seine Untersuchungen sind sehr exakt, ein Begriff leitet sich aus dem anderen her, und der Leser muß mit gesteigerter Aufmerksamkeit den Ausführungen folgen, will er sich nicht darin verlieren.
Ausgehend von der Kulturkritik an seiner Zeit, begründete Schiller hier eine Philosophie der Ästhetik, welche zugleich als ein Manifest für das Prinzip des Klassischen in der Kunst verstanden werden darf. Moralische Prinzipien und Gesetze in einem aufgeklärten Staat waren nach Schillers Auffassung keine Garanten wahrer politischer Freiheit. Die Greuel der Französischen Revolution hatten mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie infantil und rückständig die Bürger des Staats waren. „In den niederen und zahlreicheren Klassen stellen sich uns rohe und gesetzlose Triebe dar, die sich nach aufgelöstem Band der bürgerlichen Ordnung entfesseln und mit unlenksamer Wut zu ihrer tierischen Befriedigung eilen. Auf der anderen Seite geben uns die zivilisierten Klassen den noch widrigeren Anblick der Schlaffheit und einer Depravation des Charakters, die desto mehr empört, weil die Kultur ihre Quelle ist... So sieht man den Geist der Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition und moralischem Unglauben schwanken, und es ist bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Grenzen setzt.”
Eine menschenwürdige Existenz, die Idee einer Republik, war angesichts dieser Entwicklung nicht gegeben, und nur ein zur geistigen und emotionalen Freiheit erzogener Mensch würde in der „Totalität des Charakters” erst die Bedingung zu einem freien Staat ausmachen. „Totalität des Charakters” kann aber nur durch Veredelung gewonnen werden, und das heißt Bildung und Kultur. Mit Hilfe der Kunst sollte eine Erziehung des ganzen Menschen erfolgen, so daß dieser durch Erfahren von Schönheit in der Kunst den höchsten Grad an Harmonie erreichen würde, wo Pflicht, Neigung, Sinnlichkeit und Vernunft eine Einheit bildete. Schillers Briefe sind daher auch eine scharfe Auseinandersetzung mit Immanuel Kant. Der „große Rigorist der Moral” hatte die Natur des Menschen in zwei unversöhnliche Kategorien geteilt, in den sinnlichen und den verstandesmäßigen Menschen.
Entgegnung auf Kant
Die sinnliche Natur drängt uns nach der Erhaltung unserer physischen Existenz und nach Glückseligkeit, die verstandesmäßige dringt auf Moral und Pflichterfüllung. Die Pflicht gegenüber der Gesellschaft steht für den „Weisen von Königsberg” unversöhnlich der persönlichen Gefühlswelt gegenüber; um moralisch zu handeln, so sagt Kant, muß der Mensch seine Gefühle unterjochen. Er stellt die Pflicht vor uns hin und läßt sie sagen: „Ich bin die Pflicht, du sollst mich ehren und alles tun, was ich dir sage” Und der verständige Mensch, sich seiner Rolle gegenüber seiner Gattung bewußt, verneigt sich vor ihr, um ihr zu dienen und wehmütig auf seine Glückseligkeit zu verzichten. Pflichtbewußt, doch ewig unglücklich, muß er sein Leben für den Selbstzweck seines Staates opfern. Schiller stellt Kants kategorischem Imperativ die Idee der „schönen Seele” entgegen, bei der die Trennung zwischen Pflicht und Neigung aufgehoben ist, bei ihr ist moralisches Handeln zum natürlichen Trieb geworden.
„Eine schöne Seele nennt man es, wenn sich das sittliche Gefühl aller Empfindungen des Menschen endlich bis zu dem Grad versichert hat, daß es dem Affekt die Leitung seines Willens ohne Scheu überlassen darf und nie Gefahr läuft, mit den Entscheidungen desselben in Widerspruch zu stehen. Daher sind bei einer schönen Seele die einzelnen Handlungen nicht sittlich, sondern der ganze Charakter ist es. Man kann ihr auch keine einzige als Verdienst anrechnen, weil eine Befriedigung des Triebes nie verdienstlich heißen kann. Die schöne Seele hat kein anderes Verdienst, als daß sie ist. Mit einer Leichtigkeit, als wenn der bloße Instinkt aus ihr handelte, übt sie der Menschheit peinlichste Pflichten aus, und das heldenmütigste Opfer, das sie dem Naturtriebe abgewinnt, fällt wie eine freiwillige Wirkung eben dieses Triebes in die Augen. Daher weiß sie auch niemals um die Schönheit ihres Handelns und es fällt ihr nicht mehr ein, daß man anders handeln und empfinden könnte.” (Über Anmut und Würde)
Schiller würdigte ausdrücklich die Arbeit Kants, der mit seinen Untersuchungen über das menschliche Denken ein „philosophisches Revolutionswerk” eingeleitet habe, aber die Kälte der Ausführungen erschreckte ihn. Unvorstellbar war für ihn die Forderung, daß der Mensch, um moralisch zu handeln, auf seine Glückseligkeit verzichten müsse, denn nicht der Selbstzweck eines Systems, sondern die Glückseligkeit seiner Gattung war für ihn die Aufgabe der Menschheit.
Es kam also nur darauf an, die beiden widerstreitenden Naturen in der menschlichen Brust zu versöhnen und die verlorene Einheit der menschlichen Natur wiederherzustellen. Auch Schiller geht von der doppelten Natur des Menschen aus, der Sinnlichkeit und dem Verstand, dem Sachtrieb und dem Formtrieb. Der sinnliche Trieb definiert das Ich, Mein, Mir, Hier und Jetzt, ihn interessiert nicht das Woher und Warum. Er ist ganz nach außen orientiert und lebt von Wahrnehmungen, die er sogleich verinnerlicht, er ist also das Element der Zeit.
Gleichzeitig beschreibt er die Epoche unserer Kindheit, in der Eindrücke und Empfindungen so unvermittelt und gewaltig auf uns wirken, daß uns eine konkrete Empfindung ganz beherrscht und alle anderen, möglichen Gefühle ausschließt, sodaß wir auf diese eine konkrete Form unseres Daseins beschränkt sind. In diesem Moment negieren wir unsere Persönlichkeit, sind wir nicht wir selbst, oder — wie Schiller sagt — wir sind nicht, denn unsere Persönlichkeit ist solange aufgehoben, wie uns die Empfindung beherrscht und die Zeit mit sich fortreißt. In diesem Zustand sind wir “nichts als eine Größeneinheit, ein erfüllter Moment der Zeit.”
Der Verstand handelt ganz anders. Er weist uns auf Notwendigkeiten hin, erinnert uns an Aufgaben und Pflichten, die außerhalb unserer eigenen Person liegen. Er ist das beständige Element in uns, er forscht nach der Ursache der Dinge und will bei allem Wechsel der Emotionen unsere Person behaupten und uns von unserem physischen Bedürfnis in Freiheit setzen. Der sinnliche Trieb beherbergt unsere Glückseligkeit, der verstandesmäßige unsere Freiheit.
Die zeitgenössische Kunst hat noch nicht einmal diese Stufe erreicht, sie weigert sich, irgendwelche gesellschaftlichen Pflichten anzuerkennen und zeigt ausschließlich den von seinen sinnlichen Bedürfnissen beherrschten Menschen. Da Kunst aber immer verklärt und zur Nachahmung auffordert, ist der Effekt dieser Verirrung auf breite Bevölkerungsschichten nicht auszudenken.
Die Kultur hat die Aufgabe, über beide Triebe zu wachen und sie in ihren jeweiligen Grenzen voll zu entwickeln. Sie soll die Persönlichkeit gegen die Macht der Empfindung sichern und die Sinnlichkeit gegen die Eingriffe der Freiheit schützen. Das eine erreicht sie durch die Ausbildung des Gefühlsvermögens, das andere durch die Ausbildung des Vernunftvermögens. Sie will einen Ausgleich zwischen Sollen und Wollen, zwischen Pflicht und Neigung herstellen, damit beide Triebe sich im Gleichgewicht halten und mit gleicher Macht auf uns wirken.
Menschliche Freiheit
Die Kunst versetzt uns in eine mittlere Stimmung, von Schiller auch freie Stimmung genannt, die unserem Willen erst zu seiner Existenz verhilft. Wenn beide Triebe mit gleicher Kraft auf uns wirken, dann heben sie sich gegenseitig auf, es entsteht ein Zustand des Ausgleichs und der Ruhe, und die Freiheit bekommt ihren Ursprung. Nun kann der Wille, der „Geschlechtscharakter des Menschen”, seine ganze Macht entfalten. Nun können wir frei entscheiden, was wir tun und lassen wollen, können uns von den vielen Pflichten, die wir haben, eine aussuchen und frei erfüllen. „Kein Mensch muß müssen,” läßt Lessing seinen Nathan sagen. „Alle anderen Wesen müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will” Der Wille ist unser „Majestätsrecht”, in dem sich unsere ganze Freiheit verkörpert. Schiller will den Menschen nicht kraftlos hingeworfen und passiv leidend, sondern als den tätig wirkenden, der sich sein Leben trotz aller Widerstände einrichtet. Zwang zu erdulden, widerstrebt der menschlichen Natur, doch manchmal geht es nicht anders, wer aber kraftlos, willenlos sich demütigenden Kräften unterwirft, der „wirft seine Menschheit hinweg.” Daß wir nicht immer alles vollbringen können, wie wir sollen, liegt in der menschlichen Natur, doch wer sich nur als ein „Produkt seiner Umwelt” betrachtet, wie das in der modernen Psychologie der Fall ist, der sucht nur seine eigene Faulheit und Bequemlichkeit zu entschuldigen.
Die Kunst setzt uns nur in die Lage, von entwürdigenden Kräften frei zu werden, der Wille aber muß nun unsere Anlagen verwirklichen. Nun ist es ihm anheimgestellt, ob wir weiterhin leidend als „reine Naturkraft” oder ob wir zugleich als tätiges Vernunftwesen, als „absolute Kraft”, wirken wollen.
Die Lehre von der Schönheit
Warum aber kann das die Kunst? Weil sie schön ist. Die Schönheit ist die „Bürgerin zweier Welten,” sie ist beiden Trieben eigen. Sie ist zunächst Gefühl, weil wir etwas als schön empfinden, sie ist aber auch Verstand, weil wir sie als Objekt betrachten können. Sie ist die „Tochter der Sinnenwelt, die durch Adoption in der Vernunftwelt ihr Bürgerrecht erhält.”
Schillers Begriff von der Kunst wird sehr schön deutlich an seinem Gedicht “Das Mädchen aus der Fremde”. Keiner weiß, woher sie kam und wohin sie geht, plötzlich ist sie da und beglückt jeden mit ihrer Anmut. Es sind aber nur „Früchte und Blumen”, die sie verteilt, nichts besonderes würde man sagen. Die Schönheit bringt auch keinen konkreten Gewinn, sie „gibt kein einziges Resultat weder für den Verstand noch für den Willen, sie erfüllt keinen intellektuellen oder moralischen Zweck, findet keine einzige Wahrheit, hilft uns keine einzige Pflicht zu erfüllen,” ihr konkreter Nutzen ist gleich Null. Betrachtet man aber die Gesamtheit der Kräfte, die durch sie in uns angeregt werden, dann ist sie das wertvollste Geschenk. Schiller bezeichnet sie als „unsere zweite Schöpferin,” denn wie die Natur, die uns ja erst unser Dasein verschafft und es dann uns überläßt, was wir daraus machen, so setzt uns die Schönheit nur frei von allen Zwängen und Begierden und gibt uns unsere Freiheit zurück. Jetzt können wir wählen, was wir sein wollen, nun kann unser Wille seine ganze Macht entfalten.
Sie soll, ja sie darf gar nichts Konkretes erreichen, denn das würde bedeuten, daß sie eine bestimmte Anlage in uns fördert und alle anderen, möglichen Fähigkeiten ausschließen muß. Das sollen aber wir selbst tun, nicht die Kunst.
Wir können jedoch nie aus der Abhängigkeit der Kräfte treten, sonst hörten wir auf zu sein. Daher kann es keine rein ästhetische Wirkung geben, nur die größte Annäherung davon. Je allgemeiner die Stimmung, die ein Kunstwerk in uns auslöst, je weniger eingeschränkt die Richtung, die unser Gemüt erfährt, desto edler ist das Produkt und desto höher die ästhetische Wirkung, die es auf uns ausübt. Die drei Kunstrichtungen - Tonkunst, bildende Kunst, Dichtkunst - sind sich in der Wirkung auf das Gemüt sehr ähnlich, denn in einem wahrhaft schönen Kunstwerk soll der „Inhalt nichts, die Form aber alles tun, denn durch die Form allein wird auf das Ganze des Menschen, durch den Inhalt hingegen nur auf einzelne Kräfte gewirkt.” Der Inhalt, wie erhaben und allumfassend er auch sein mag, wirkt immer einschränkend auf unser Gemüt, weil er notwendigerweise konkret ist. So gibt es eine ‘schöne Kunst der Leidenschaften’, aber keine ‘schöne leidenschaftliche Kunst’, denn es ist gerade der Effekt des Schönen, uns in einen Zustand zu versetzen, in dem wir frei von Leidenschaften sind.
Entsprechend hoch ist der Standard, den Schiller vom Künstler fordert. Ihm ist „der Menschheit Würde in die Hand gegeben,” er muß zum Ideal höchsten Menschentums erziehen. Dies kann er nur, wenn er seine eigenen Empfindungen so geläutert hat, daß sie würdig sind, vor der Mitwelt ausgestellt zu werden. „Der Künstler ist zwar Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist … den Stoff wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, ja, jenseits aller Zeit von der absolut unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen.”
„Wie verwahrt sich aber der Künstler vor den Verderbnissen seiner Zeit, die ihn von allen Seiten umfangen? Wenn er ihr Urteil verachtet. Er blicke aufwärts nach seiner Würde und dem Gesetz, nicht niederwärts nach dem Glück und nach dem Bedürfnis. Gleich frei von der eitlen Geschäftigkeit, die in den flüchtigen Augenblick gern ihre Spur drücken möchte, und von dem ungeduldigen Schwärmergeist, der auf die dürftige Geburt der Zeit den Maßstab des Unbedingten anwendet, überlasse er dem Verstand, der hier einheimisch ist, die Sphäre des Wirklichen; er aber strebe, aus dem Bunde des Möglichen mit dem Notwendigen das Ideal zu erzeugen. Dieses präge ... er aus mit allen sinnlichen und geistigen Formen und werfe es schweigend in die unendliche Zeit...” (Neunter Brief)
In der Rezension zu Bürgers und Matthisons Gedichten hatte sich Schiller ausführlich mit dem Kunstgeschmack und -prinzip seiner Zeit auseinandergesetzt. Er hatte in scharfer Kritik die Auffassung zurückgewiesen, ein Künstler müsse, um eine eindringlich emotionale Lage zu beschreiben, diese auch ebenso eindringlich empfinden. Also um Schmerz zu beschreiben, müsse er ihn auch ebenso empfinden. Er hatte einer Idee der Kunst, welche Imitation der Gefühle anstelle idealischer Verdichtung setzt, die Idee des Idealischen entgegengesetzt. So müsse der Künstler ganz seine Individualität ausdrücken, aber doch zugleich als Gattungswesen sich an die Gattung im einzelnen wenden. Nicht Tendenzdichtung oder moralisierende Dichtung erziehe, sondern die Art der klassisch-poetischen, d.h. idealischen Behandlung des Stoffes. Der Künstler soll die Zeit so behandeln, daß er ihr die Richtung zum Guten gibt, er soll die Einbildungskraft frei spielen lassen und dennoch den Gesetzen des Gestaltungsprinzips gehorchen, so frei wie notwendig den Stoff behandeln, er soll andeuten, aber niemals der Einbildungskraft des Lesers vorgreifen.
Vergleichen wir Schillers Forderung mit dem Vermögen unserer Zeitgenossen wie Beuys, Dali, Schönberg, bei deren privater Biographie jeder durchschnittlich moralische Bürger abgestoßen wird, so wird uns das Dilemma der modernen Kunst überdeutlich vor Augen geführt. Ein infantiler und - nicht selten - perverser Charakter kann kaum edle Kunst hervorbringen, er fühlt sich hingegen oft durch große Kunst so herausgefordert, daß sein kleines Ego mit Zerstörungswut revoltiert. Ernst Wendt gab bei den Mannheimer Schiller-Tagen [1984] ein beeindruckendes Zeugnis davon, als er allen Ernstes Schillers Tragödien als „verkappte Ödipus-Dramen” brandmarkte und sich über Schillers „verdrängte Vaterprobleme” vernehmen ließ.
Solche Kunst stellt uns mehr denn je unter die Tyrannei bestimmter Empfindungen und vom Künstler diktierter Zwänge, wir müssen uns mehr unterjocht fühlen als zuvor, agitatorische Kunst ist schon per definitionem eine Unmöglichkeit. Ein wirklich edles Kunstwerk hingegen setzt uns von allen inneren und äußeren Zwängen frei. Die ästhetische Stimmung, in die uns ein vollkommenes Kunstwerk versetzt, umschließt alle in uns arbeitenden Kräfte und führt uns zum Unbeschränkten, zur Unendlichkeit.
Die Schönheit ist ein „reines Geschenk der Natur” die keinerlei konkretes Ziel oder konkreten Zweck verfolgt, sie ist einfach da, um alle Welt zu beglücken. So ist auch der „beste Teil unserer Freuden” derjenige, der nichts Wirkliches erreichen will, der einfach Lebensfreude, Freude an der Schöpfung, Freude an unserem Dasein und dem anderer ausdrückt. “Denn, um es einmal heraus zu sagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.”
Der ästhetische Staat
Inwieweit, so mögen die Rigoristen fragen, aber darf Schein sein in der moralischen Welt? Insoweit es ästhetischer Schein ist, denn wir empfinden nur als schön, was allgemeiner Naturgesetzlichkeit entspricht. Das Reich der Schönheit zeichnet ein Bild vor, wie die moralische und damit auch politische Welt eigentlich sein müsste, die politische Welt, der Staat, spiegelt die jeweilige Verfassung seiner Bürger wieder. „Wenn im dynamischen Staat der Rechte der Mensch dem Menschen als Kraft begegnet und sein Wirken beschränkt - wenn er sich ihm in dem ethischen Staat der Pflichten mit der Majestät der Gesetze entgegenstellt, und sein Wollen fesselt, so darf er im Kreis des schönen Umgangs, in dem ästhetischen Staat, nur als Gestalt erscheinen, nur als Objekt des freien Spiels gegenüberstehen. Freiheit zu geben durch Freiheit ist das Grundgesetz dieses Reichs.” Im dynamischen Staat oder Naturstaat ist der Mensch noch weitgehend den Gesetzen der Natur und der Notdurft unterworfen, im Vernunftstaat oder ethischen Staat wird der einzelne Wille dem Ganzen unterworfen, beide schließen die menschliche Natur teilweise aus. Erst im ästhetischen Staat wird der gesamten Natur des Menschen Rechnung getragen, in dem er sich selbst durch die Natur des Individuums vollzieht und sich die Glückseligkeit seiner Bürger zum Ziel setzt.
„Wäre das Faktum wahr - wäre der außerordentliche Fall wirklich eingetreten, daß die politische Gesetzgebung der Vernunft übertragen, der Mensch als Selbstzweck respektiert und behandelt, das Gesetz auf den Thron erhoben, und wahre Freiheit zur Grundlage des Staatsgebäudes gemacht worden, so wollte ich auf ewig von den Musen Abschied nehmen, um dem herrlichsten aller Kunstwerke, der Monarchie der Vernunft, alle meine Tätigkeit widmen,” schreibt Schiller an den Herzog von Augustenburg. Dann wäre der Staat selbst zum Kunstwerk geworden und jede Tätigkeit des Individuums ein künstlerischer Akt. Frei von jedem inneren und äußeren Zwang könnte der Mensch dann an der Fortentwicklung seiner Gattung teilhaben. „Existiert aber ein solcher Staat des schönen Scheins und wo ist er zu finden?” so sind wir versucht, mit Schiller zu fragen. „In jeder feingestimmten Seele,” ist seine Antwort.
Wir selbst sind von Schillers Epoche weit entfernt, der damals schon die Zerstückelung der Gattung beklagte, so daß man sich “von Individuum zu Individuum herumfragen muß, um die Totalität der Gattung zusammenzulesen”.
Wir verkennen nicht die enorme Masse an Wissen, die Summe der Talente, die zahllose Geschlechter in den letzten Jahrhunderten für uns angehäuft haben. Wir sehen mit ungeduldiger Spa nnung, wie der Mensch beginnt, sich das Weltall zu erobern, aufsieht zu den Sternen, doch welche Nacht herrscht immer noch in unseren Köpfen. Mit Freude beobachten wir, wie der Mensch beginnt, die Sonne auf die Erde zu holen, um ihre segensreiche Kraft für das Wohl der Völker wirken zu lassen, doch die Naturwissenschaftler können nicht verhindern, daß sich die finstere Nacht des Aberglaubens wieder ausbreitet. Die Kontinente sind einander durch vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation und der Entwicklung der Verkehrssysteme nähergerückt, aber sie haben nicht unsere Enge und unser Vorurteil besiegt. Die Summe unseres Wissens hat uns alle Möglichkeiten, die Welt in einen Garten zu verwandeln und zu immer neuen Erkenntnissen fortzuschreiten, in die Hand gegeben. Es liegt also an uns, die verlorene Identität wiederherzustellen und den Charakter der Zeit von seiner tiefen Entwürdigung wiederaufzurichten. Schillers Ästhetik hilft uns dabei.
Erschienen in der Zeitschrift IBYKUS, Heft Nr. 10, Wiesbaden 1984
Die Xenien waren von Goethe und Schiller konzipierte und verfasste zweizeilige Satiren. Dieses mit “Anacharsis der Zweite” überschriebene Gedicht ist gerichtet auf die Urheber des Jakobinischen Terrors in Paris, die auch den radikalen deutsch-niederländischen Adeligen Jean-Baptiste Baron von Cloots im Gnadental, der sich im Jahr 1790 in Anarchasis Cloots umbenannt hatte im Januar 1794 auf der Guillotine hinrichteten. Cloots war geprägt von seinem Onkel, Cornelius de Pauw, der u.a. am Hof Friedrichs des Großen in Berlin über die “Degeneration Americas” schrieb. Später nahm der moderne Künstler Joseph Beuys den Namen von Anarchasis Cloots an und nannte sich Joseph Anarchasis Cloots Beuys.












