Ganz Mensch sein
Ganz Mensch sein
Die Hauptsache ist das Kind
0:00
-7:25

Die Hauptsache ist das Kind

Was bedeutet Weihnachten? – Von Ralf Schauerhammer

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Autors zeitgleich auch auf den Morgenstunden.

Von Ralf Schauerhammer

In einer heiteren Geschichte wird berichtet, was die Tiere für das Wichtigste an Weihnachten halten. Das Reh meint: “Der Tannenbaum”, der Fuchs: “Die Gans” und der Dachs: “Pennen, pennen, pennen”. Der dumme Esel fragt dann: “Und das Kind?” Allen wird plötzlich klar: “Das Kind, das war doch die Hauptsache.”

Nun möchte ich alter Esel fragen: “Aber warum ist es gerade das Kind?”

Heute, in einer Zeit, in der erklärt wird, man könne das, was den Menschen auszeichnet, seine Fähigkeit zu denken, durch künstliche Intelligenz ersetzten, und in der Vertreter des Transhumanismus behaupten, man solle den unvollkommenen Menschen durch Verschmelzung mit Technik verbessern, scheint mir diese Frage besonders wichtig zu sein. Denn ich befürchte, dass bei derartigen Vorstellungen der Mensch seine Würde verlieren wird.

Und da kann “das Kind” uns helfen, Klarheit zu gewinnen. Denn “das Kind”, d.h. die Inkarnation Christi, ist das Fundament der unantastbaren Würde jedes Menschen! “Gott wird Mensch”, dadurch wird das Menschsein selbst heilig. Der Mensch kann nicht zum Objekt staatlichen Handelns degradiert werden. Der Mensch darf nicht als eine Ware, die nur einen “Wert” hat, behandelt werden. Er hat keinen Wert, sondern er hat “Würde”. Der Mensch ist als Wesen mehr als seine Materie, er ist transzendent, er ist Träger des Göttlichen.

Wenn von der Würde des Menschen gesprochen wird, wie sie z.B. im Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland festgelegt ist, dann bezieht man sich meist auf den Philosophen Immanuel Kant, der die Menschenwürde als absoluten, unantastbaren Wert bezeichnete, da der Mensch vernunftbegabt ist, d.h. ein Wesen, das sich selbst Gesetze geben kann und daher niemals bloß Mittel zum Zweck werden darf. Ist der auf diese rationale Weise bestimmte Begriff “Menschenwürde” wirklich ausreichend? Liegt die “Würde” des Menschen, die verhindert, dass er als Wert-Ding behandelt wird, wirklich allein in seiner Vernunftbegabung?

Mir kommt Achim in den Sinn, der Bruder von Romie, dem bei der Geburt durch den Einsatz einer Saugglocke Hirnschäden zugefügt wurden. Wenn allein die Vernunftbegabung Grundlage der Menschenwürde wäre, dann stünde es um die Würde von Achim schlecht, und ich kann mir gut vorstellen, dass ein Transhumanist versucht sein könnte, durch Verquickung mit technischen Geräten aus Achims Materie „etwas Brauchbares“ zu machen. Dabei ginge verloren, dass Achim von seiner Schwester geliebt wurde, gerade weil er so hilfsbedürftig war, und er allein durch sein Dasein mehr Gutes bewirkt hat, als mancher brillante Kopf.

Aber da ist “das Kind”, in dem Gott Mensch geworden ist. Dadurch ist jeder Mensch, egal ob vernünftig oder unvernünftig, mehr als nur ein Ebenbild Gottes, dann das könnte ja auch nur eine alte “Stele” sein, ein Denkmal, das Gottes Größe exemplifiziert. Nein, durch “das Kind”, durch die Menschwerdung des Göttlichen, ist unmissverständlich klar: Der Mensch ist ein transzendentes Wesen, in jedem Menschen, egal wie elend er erscheinen mag, ist das göttliche Potential, welches über seine rein biologische Wirklichkeit hinausweist und sich in jedem menschlichen Individuum auf ganz eigene Weise zeigt.

“Das Kind”, also Jesus, war eine Revolution, welche an Weihnachten begann und sich mit der Auferstehung an Ostern vollendete. Eine Revolution, welche den Menschen über jede irdische Macht erhob. Welche den Sklaven befreite, egal ob Arbeitssklave für andere oder Sklave seiner eigenen Triebe und Gelüste. So wurde “das Kind” zur Grundlage dessen, was wir “westliche Zivilisation” nennen. Auch wenn wir das bisweilen vergessen. Der wunderbare Mensch Viktor Frankl sagte es einmal so: “Wenn wir den Menschen nicht als das sehen, was er potentiell sein könnte, unterschätzen wir ihn.” Er bezog sich dabei auf ein Zitat aus dem vierten Kapitel von Johann Wolfgang Goethes Bildungsroman “Wilhelm Meisters Lehrjahre”, wo es heißt: “Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.” Das bedeutet doch nichts anderes, als dass wir in anderen Menschen Gutes bewirken, wenn wir “das Kind” in ihnen sehen.

Nun fragt sich nur noch, warum “das Kind” notwendig wurde. Hätte der Schöpfer das nicht alles von vorneherein “einprogrammieren” können, so dass wir es ganz selbstverständlich sehen? Hätte er nicht einfach befehlen können, dass wir immer das Göttliche im Menschen erkennen? Wenn er das so gemacht hätte, dann wäre etwas verloren gegangen, was dem Schöpfer anscheinend sehr wichtig ist: Unsere menschliche Freiheit. Er ist offensichtlich der Meinung, dass die Schöpfung nicht vollständig gewesen wäre, wenn er uns nicht die Freiheit zu sündigen gegeben hätte, die Freiheit “nein” zu sagen. Gleichzeitig gab er uns auch das Gewissen zur Orientierung für unser Handeln.

Er wollte offensichtlich, dass die Schöpfung nichts fertiges, unveränderliches, d.h. etwas im Grunde Totes ist, sondern ein immerwährender Prozess, an dem wir Menschen gemeinsam mit ihm, dem Schöpfer, teilhaben. “Das Kind” war notwendig, um uns klar erkennbar zu machen, dass wir Menschen diese, über unser irdisches Dasein hinausreichende, Fähigkeit und Aufgabe haben. Lasst uns an dem glänzenden Weihnachtsbaum, an der leckeren Gans und der Weihnachtlichen Ruhe unsere Freude haben, vor allem aber auch an dem Funken Göttlichkeit, der in allen von uns lebt!

Ralf Schauerhammer, an Weihnachten 2025

Ganz Mensch sein ist eine von Lesern unterstützte Publikation. Um neue Posts zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, ziehen Sie bitte in Betracht, ein Free- oder Paid-Abonnent zu werden.

Diskussion über diese Episode

Avatar von User

Sind Sie bereit für mehr?